Théroigne de Méricourt – eine Amazone auf der Festung
Das Leben der Théroigne de Méricourt würde mehr als genug Stoff für einen hochkarätigen Film liefern: Es handelt von Mut, Revolution, Verrat und dem Streben nach Gerechtigkeit.
Szene 1 – Ankunft in Kufstein am 17. März 1791
Eine zierliche, junge Frau, mit blauen Augen und brünettem Haar steht umgeben von einer 4 Mann starken Gefangenen-Eskorte vor den Toren der Festung Kufstein und wird vom Festungskommandanten in Empfang genommen. Sie beginnt bitterlich zu weinen. Verzweifelt bricht es aus ihr heraus: „Lieber sterben, als hinter diesen elenden Mauern ein verwünschtes Leben hinschleppen!“
Der Festungskommandant bleibt unbeeindruckt, er hat schon zu viele Verzweiflungsausbrüche von Häftlingen miterlebt. Die junge Frau wird durch das Tor in eine ungewisse Zukunft geführt.
Szene 2 – Rückblende – Leben und politisches Engagement
Das Mädchen, dass am 13. August 1762 in Marcourt (Lüttich) als Anne-Josèphe Terwagne das Licht der Welt erblickte und als junge Frau als Anne-Josèphe Théroigne de Méricourt berühmt wurde, hatte denkbar schlechte Voraussetzungen für ein bequemes Leben: Der Vater verarmt, die Mutter früh verstorben, von der neuen Stiefmutter ungeliebt, wurde Théroigne von Verwandten zu Verwandten weitergereicht, bis sie mit einer Familie, bei der sie gearbeitet hatte, nach London übersiedelte. Hier lernte sie als junge Erwachsene einen reichen Adeligen kennen, der ihr ein Heiratsversprechen gab – zu einer Heirat sollte es allerdings nie kommen. Der Angebetete stürzte sich in allerlei Ausschweifungen und Théroigne kehrte im Jahr 1785 nach Frankreich zurück, zwar mit gebrochenem Herzen, allerdings mit einer großzügigen Schenkung ihres ehemals Geliebten.
In Paris entdeckte sie ihre Begeisterung für Politik. Sie erweiterte ihren Horizont, indem sie die Zeitungen mit politischen Inhalten studierte, Geschichtsbücher las und regelmäßig die Nationalversammlung besuchte, wo sie sich mit Gleichgesinnten austauschte. Mit Zunahme des Wissens wuchs auch ihr Patriotismus und mit einigen Mitstreiter:innen für die gute Sache gründete sie den „Klub der Menschenrechte“. Sie hielt Reden auf dem Markt, im Klub und vor der tausendköpfigen Volksversammlung, begleitet von stürmischem Applaus. Bald sprach ganz Paris von der „schönen Lütticherin“, welche mit großer Hingabe die Revolution unterstützte und so inbrünstig vor allem für die Rechte der Frauen kämpfte. Sie sprach sich für eine vollständige Gleichberechtigung sowie für die Bewaffnung der Frauen aus, was ihr den Beinamen „Amazone der Französischen Revolution“ einbrachte. Obwohl nicht im herkömmlichen Sinn gebildet, besaß Théroigne die Gabe, mit ihrer Begeisterung für die Menschenrechte die Zuhörer:innen mitzureißen.
Im Jahr 1790 waren ihre Geldmittel aufgebraucht und sie beschloss, in ihr Heimatdorf in Belgien zurückzukehren, um dort ein bescheidenes Dasein zu führen. In anderen Quellen ist von einer Flucht aus Paris aufgrund eines Haftbefehls oder vor politischen Gegnern die Rede. Nun lebte Théroigne also wieder in der belgischen Provinz, welche von Österreich regiert wurde. Dies spielte ihren politischen Gegnern – Konterrevolutionären – in die Karten: Am 16. Februar 1791 um 2:00 Uhr Früh hämmerten Männer an ihre Tür, drangen in ihre Wohnung ein, ließen ihr kaum Zeit, sich anzukleiden und entführten sie mit Billigung der Krone. Briefe, Papiere, Schmuck und weitere Gegenstände wurden beschlagnahmt. Vor allem von den schriftlichen Unterlagen erhofften die Ankläger sich belastendes Material gegen Théroigne sowie Erkenntnisse über weitere Verschwörungen, glaubten sie doch, eine wichtige Rädelsführerin der französischen Revolution festgesetzt zu haben. Die revolutionären und subversiven Ideen empfand die Obrigkeit als gefährlich, sie bedrohten die althergebrachte Ordnung im Staat.
Die Reise führte die Gefangene samt Eskorte erst nach Freiburg, wobei man Théroigne über das Ziel im Unklaren lies. Als man ihr schließlich mitteilte, dass sie nach Wien gebracht werden sollte, war sie erleichtert, da sie darin die Möglichkeit sah, mit dem Kaiser zu sprechen und sich zu rechtfertigen. Man kann daher ihre Verzweiflung gut nachvollziehen, als sie sich am Ende der Fahrt vor den Toren des gefürchteten Festungsgefängnisses in Kufstein wiederfand.



Szene 3 – Gefangenschaft auf der Festung Kufstein
Théroigne wird in ihr Quartier geführt und auf Geheiß des Kaisers gütig und rücksichtsvoll behandelt, jedoch wird sie die nächsten 2 Monate sich selbst überlassen und aufgrund der Sprachbarriere ist sie ohne Möglichkeit, sich zu verständigen. Erst Ende Mai trifft endlich der Untersuchungsrichter ein: Hofrat Franz von Blanc, ein Jurist, welchem sehr an einer gewissenhaften Untersuchung gelegen ist und der französisch spricht. Viel wird Théroigne zur Last gelegt: unter anderem Hochverrat. Sie soll im Jahr 1789 ein Mordkomplott gegen die französische Kaiserin Marie Antoinette geschmiedet haben. Hofrat von Blanc ist ein gerechter Mann und gibt Théroigne die Möglichkeit, sich zu jedem einzelnen Anklagepunkt zu äußern. Außerdem ersucht er sie, ihre Biografie niederzuschreiben. Im Laufe der Ermittlung kristallisiert sich immer mehr heraus, dass die Anklage haltlos ist. Zwar verbirgt Théroigne nicht ihre revolutionäre Haltung und spricht mit Begeisterung von den Umbrüchen des Jahres 1789, ein wirkliches Verbrechen kann ihr allerdings nicht zur Last gelegt werden. Hofrat von Blanc hat Mitleid mit der jungen Frau und versucht, die Gefangenschaft mit verschiedenen Privilegien angenehmer zu gestalten: Man kocht ihre Wunschgerichte, sie diniert mit Hofrat von Blanc und dem Schlosshauptmann samt Gattin. Sie darf Bücher in ihrer Zelle haben, sogar ein Klavier wird ihr zur Verfügung gestellt. Dennoch können alle Annehmlichkeiten nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie eingesperrt ist. Théroigne leidet immer wieder an körperlichen Gebrechen und depressiven Stimmungen. Daher spricht sich der behandelnde Arzt für eine Verlegung der 28-Jährigen nach Wien aus. Dort angekommen, steht sie zu Beginn noch unter Aufsicht, kann sich dann aber vollkommen frei bewegen. Nach einem Empfang beim Kaiser wird Théroigne offiziell entlassen und erhält ein Gnadengeld. Im Jänner 1792 kehrt sie nach Frankreich zurück, wo sie triumphal im Jakobiner-Klub begrüßt wird und sich wieder vehement für Bürger- und Frauenrechte stark macht. Sie hält Reden, zettelt Aufstände an und beteiligt sich am Sturm auf die Tuilerien im August 1792.
Szene 4 – Der Anfang vom Ende
Am 15. Mai 1793 gerät sie in einen Streit, wird misshandelt und schwer am Kopf verletzt. Von diesem Angriff wird sie sich nicht mehr erholen. Théroigne, diese beeindruckende, geistreiche, mutige Frau, „Amazone der Französischen Revolution“, Kämpferin für Gleichberechtigung, fristet ihre restlichen Jahre und für „geisteskrank“ erklärt in verschiedenen „Irrenhäusern“, bevor sie im Jahr 1817 stirbt.
Die Stadt Kufstein hat ihr mit der Théroigne-de-Méricourt-Brücke ein Denkmal gesetzt. Die Brücke stellt eine Verbindung zwischen Sparchen und Friedenssiedlung dar und führt über die Bundesstraße Richtung Ebbs, Nähe Kreisverkehr Autobahnausfahrt Kufstein-Nord.
Teile das mit deinen Freunden



